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Organisationsverschulden im Betrieb: Haftungsrisiken für Betreiber

  • Autorenbild: Andreas Dönges
    Andreas Dönges
  • 12. März
  • 4 Min. Lesezeit

Ein Mitarbeiter betritt einen elektrischen Betriebsraum, um eine Störung zu prüfen. Eine Ein-weisung hat er nie erhalten. Die Anlage wurde seit Jahren nicht geprüft. Wenige Minuten später kommt es zu einem schweren Stromunfall.


Die zentrale Frage der Ermittler lautet später nicht nur: Was ist passiert?

Sondern: Wie konnte die Organisation des Betriebs so etwas zulassen?


Juristisch spricht man in solchen Fällen von Organisationsverschulden.


Was ist Organisationsverschulden?


Organisationsverschulden liegt vor, wenn ein Unternehmen seine betrieblichen Abläufe, Verantwortlichkeiten oder Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichend organisiert, um Ge-fahren für Personen zu verhindern.


Im Kern geht es um die Frage, ob der Betreiber seine Verkehrssicherungs- und Betreiberpflichten erfüllt hat.


Typische Beispiele für Organisationsverschulden sind:

  • unklare Zuständigkeiten oder fehlende Pflichtenübertragung

  • unzureichende Unterweisung von Mitarbeitern

  • mangelnde Qualifikation oder Schulung

  • fehlende oder unvollständige Gefährdungsbeurteilungen

  • fehlende Prüf- und Wartungsorganisation

  • unzureichende Dokumentation von Sicherheitsmaßnahmen

  • mangelhafte Zutritts- oder Schlüsselregelungen


Besonders relevant ist Organisationsverschulden bei technischen Anlagen, Maschinen, Ar-beitsmitteln oder gefährlichen Betriebsbereichen.


Praxisbeispiel


Ein Unternehmen betreibt mehrere technische Anlagen.

Die Prüfintervalle sind zwar festgelegt, werden aber nicht zentral überwacht.


Eine Anlage wird deshalb über Jahre nicht geprüft.

Bei einem Defekt wird ein Mitarbeiter verletzt.


Die Ermittlungen zeigen später:

Nicht der technische Defekt war das Hauptproblem – sondern die fehlende Prüforganisation.


Zivilrechtliche Haftung bei Organisationsverschulden

Kommt es aufgrund organisatorischer Mängel zu einem Unfall, können Geschädigte Schadensersatz und Schmerzensgeld verlangen.


Rechtliche Grundlage sind insbesondere:

  • § 823 Abs. 1 BGB – Verletzung von Leben, Körper oder Gesundheit

  • § 823 Abs. 2 BGB – Verletzung eines Schutzgesetzes (z. B. Arbeitsschutzvorschriften)

  • § 831 BGB – Haftung für Verrichtungsgehilfen


Der Betreiber haftet dann unter anderem für:

  • Behandlungskosten

  • Verdienstausfall

  • Pflegekosten

  • Schmerzensgeld


Voraussetzung ist, dass organisatorische Mängel ursächlich für den Schaden waren.




„Wer Verkehrssicherungspflichten delegiert, bleibt zur Überwachung verpflichtet.“ – BGH, Urteil vom 13.12.2019



Betreiberpflichten und Delegation von Verantwortung


In Unternehmen werden Sicherheits- und Betreiberpflichten häufig delegiert,

beispielsweise an:

  • Meister oder Schichtleiter

  • Sicherheitsbeauftragte

  • verantwortliche Elektrofachkräfte

  • Anlagenverantwortliche


Eine solche Pflichtenübertragung entlastet die Unternehmensleitung jedoch nur teilweise.


Nach der Rechtsprechung bleiben weiterhin sogenannte Überwachungs- und Kontroll-pflichten bestehen.


Das bedeutet:

Führungskräfte müssen sicherstellen, dass die beauftragten Personen ihre Aufgaben tatsächlich ordnungsgemäß erfüllen.



Arbeitsunfall: Haftungsprivileg nach SGB VII


Wenn ein Beschäftigter im Rahmen seiner Arbeit verletzt wird, liegt häufig ein Arbeitsunfall vor.


In diesen Fällen greift das sogenannte Haftungsprivileg der gesetzlichen Unfallversicherung.


Nach § 104 SGB VII sind zivilrechtliche Ansprüche gegen den Arbeitgeber grundsätzlich ausgeschlossen, solange kein Vorsatz vorliegt.


Die Folgen eines Organisationsverschuldens können trotzdem erheblich sein, denn:

  • strafrechtliche Ermittlungen sind weiterhin möglich

  • Bußgelder können verhängt werden

  • Unfallversicherungsträger können Regress fordern



Strafrechtliche Folgen für Verantwortliche


Bei schweren Arbeitsunfällen prüfen Staatsanwaltschaften häufig, ob Verantwortliche strafrechtlich belangt werden können.


Typische Straftatbestände sind:

  • fahrlässige Körperverletzung (§ 229 StGB)

  • fahrlässige Tötung (§ 222 StGB)


Organisationsverschulden kann als Sorgfaltspflichtverletzung gewertet werden.

Das gilt insbesondere, wenn notwendige Sicherheitsmaßnahmen unterlassen wurden, etwa:

  • fehlende Unterweisungen

  • keine Abschaltung gefährlicher Anlagen

  • fehlende Absperrungen oder Zutrittskontrollen


Nach § 13 StGB (Begehen durch Unterlassen) kann auch ein unterlassenes Eingreifen strafbar sein.



Bußgelder wegen Aufsichtspflichtverletzung (§ 130 OWiG)


Organisationsmängel können auch eine Ordnungswidrigkeit darstellen.


Nach § 130 OWiG liegt eine Aufsichtspflichtverletzung vor, wenn Leitungspersonen notwendige organisatorische Maßnahmen unterlassen, beispielsweise:

  • fehlende Organisation von Sicherheitsmaßnahmen

  • mangelnde Auswahl oder Schulung von Mitarbeitern

  • fehlende Überwachung betrieblicher Abläufe


In solchen Fällen können Bußgelder gegen Verantwortliche und Unternehmen verhängt werden.


Nach § 30 OWiG kann zusätzlich eine Verbandsgeldbuße gegen das Unternehmen selbst festgesetzt werden.



Arbeitsschutzrechtliche Pflichten von Betreibern


Viele Fälle von Organisationsverschulden hängen mit Verstößen gegen Arbeitsschutz- oder Betriebssicherheitsvorschriften zusammen.


Wichtige gesetzliche Grundlagen sind:


Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG)

  • § 3 ArbSchG verpflichtet Arbeitgeber, den Arbeitsschutz organisatorisch sicherzustellen.


Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV)

  • § 3 BetrSichV: Gefährdungsbeurteilung für Arbeitsmittel

  • § 14 BetrSichV: Prüfpflichten für Arbeitsmittel


Wer diese Pflichten nicht erfüllt, riskiert neben Bußgeldern auch

behördliche Maßnahmen, etwa:

  • Stilllegung von Anlagen

  • Nutzungsverbote

  • zusätzliche Prüf- oder Dokumentationspflichten.



Regress der Berufsgenossenschaft bei grober Fahrlässigkeit


Auch wenn Arbeitnehmer häufig keine direkten Schadensersatzansprüche gegen ihren Arbeitgeber haben, kann die gesetzliche Unfallversicherung Regress nehmen.


Nach § 110 SGB VII ist dies möglich, wenn ein Unfall vorsätzlich oder grob fahrlässig verursacht wurde.


Schwerwiegendes Organisationsversagen kann beispielsweise vorliegen bei:

  • systematisch fehlenden Unterweisungen

  • bewusst ignorierten Prüffristen

  • fehlenden Zuständigkeitsregelungen trotz bekannter Risiken.


Kurzer Selbstcheck: Wie gut ist Ihre Sicherheitsorganisation?


Beantworten Sie diese Fragen:

  • Sind Verantwortlichkeiten für Anlagen schriftlich festgelegt?

  • Werden Prüfungen von Arbeitsmitteln dokumentiert?

  • Gibt es klare Regeln für Fremdfirmen und Zutritt zu Gefahrenbereichen?

  • Werden Mitarbeiter regelmäßig unterwiesen?

  • Gibt es eine aktuelle Gefährdungsbeurteilung?


Wenn Sie mehrere Fragen mit „Nein“ beantworten müssen, besteht ein erhöhtes Risiko für Organisationsverschulden.


Wann liegt Organisationsverschulden vor?

Organisationsverschulden liegt vor, wenn ein Unternehmen seine organisatorischen Pflichten verletzt und dadurch Gefahren für Personen entstehen.


Typische Ursachen sind:


  1. fehlende Gefährdungsbeurteilungen

  2. unklare Verantwortlichkeiten

  3. mangelnde Unterweisungen

  4. fehlende Prüforganisation

  5. unzureichende Kontrolle von Sicherheitsmaßnahmen



Fazit: Sicherheitsorganisation reduziert Haftungsrisiken


Organisationsverschulden gehört zu den wichtigsten Haftungsrisiken für Betreiber und Unternehmen.


Fehlende Sicherheitsorganisation kann gleichzeitig zu:

  • Schadensersatzforderungen

  • strafrechtlichen Ermittlungen

  • Bußgeldern

  • behördlichen Maßnahmen


führen.


Unternehmen sollten daher großen Wert auf eine strukturierte Sicherheitsorganisation, klare Verantwortlichkeiten, dokumentierte Gefährdungsbeurteilungen und regelmäßige Prüfungen von Arbeitsmitteln legen.



Funktionieren Verantwortlichkeiten, Prüfungen und Unterweisungen in Ihrer Organisation wirklich so, wie sie sollten?


Wann haben Sie das zuletzt überprüft?


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Andreas Dönges
Als Sachverständiger und ehemalige Gesamtverantwortliche Elektrofachkraft liegt es mir am Herzen, praxisnahes Wissen zu Elektrosicherheit und verantwortungsvoller Führung weiterzugeben.
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